Zum Vollmond war es so weit: Die kleine Silberelfe im großen Kräutergarten von Aditi hatte die meisten ihrer Blüten geöffnet und verströmte ihren mädchenhaften Duft. Nach der langen Hitze und Trockenperiode waren Gewitter gemeldet und ich musste mich sputen.
Die Darre war bereits gereinigt, die dreieinhalb Meter hohen Trockenschränke und all die Sieblagen für die Kräuterernte vorbereitet. So rief ich meine Freundinnen – und sie kamen am Vollmondmorgen, als der Himmel bereits mit schweren Wolken behangen war.
Wie jedes Jahr beginnt mit dem Baldrian die Erntezeit in den Kräutergärten auf Aditi. Und bei jeder Ernte gibt es ein inniges Gebet, eine stille Kontaktaufnahme der Erntenden mit dem Geist der Pflanze, die sich uns schenkt. Diesmal war es kurz, doch nicht weniger innig, denn die Wolken sammelten sich und die Pflanzen durften nicht benetzt werden.
So nahmen wir unsere Messer und Scheren, griffen die erste Pflanze, den kantigen, festen und saftigen Stängel der Baldrianpflanze, die uns um zwei Köpfe überragte. Die bizarren Blattrosetten raschelten unter unseren Füßen, die winzige Blütchen stoben um unsere Köpfe in die Stille der Ernte hinein. Stängel um Stängel wurde in die mit Baumwolltuch ausgekleideten Karren gelegt, Karre um Karre zu dem kleinen Holzhäuschen mit den Trockenschränken gefahren. Wie mit einer Hand arbeiten sechs Hände in einem Rhythmus, ganz natürlich, ohne Worte und in einem ruhigen Fluss verteilten sich die Aufgaben, wurden Bündel gereicht, wurde auf dem Schneidbrett die duftende Pflanze mit wenigen klaren Schnitten bereit für die Trocknung gemacht. Behutsam wurden die Blüten, Blätter und Stängel auf die Siebe verteilt, Hand in Hand hinauf gereicht zu den Händen auf der Leiter, die die Siebe in die Schränke schoben.
Das wundersame Wesen des Baldrian, das ich vor einiger Zeit in einem ausführlichen Pflanzenprofil beschrieb, legte seine warmen, feuchten, fließenden Gesten auf uns, nahm uns heraus aus der Form in das Strömen der Einheit.
So lernte ich den Baldrian in diesem Jahr noch einmal ganz anders kennen: Bisher war er einfach ein unglaublich sanftes Fahrzeug in die Entspannung, ins Träumen und in den Schlaf gewesen. Als lebende Pflanze, als Rohdroge, aus der ich mir einen Tee bereitete und besonders natürlich als das kostbare Reindestillat, das ich mir einfach nur auf die Zunge sprühte. Als Gesichtspflege angewandt gibt das Destillat eine wundervolle Linderung für überempfindliche irritierte Haut. Doch diesmal zeigte er mir auch die ganze Weite des Ozeans: Er führte uns drei Ernterinnen in eine Einheit mit sich, mit dem Land, mit allem, die so weich und fließend und selbstverständlich war, wie ich das selten bei Teamarbeit erlebt habe. Es war eigentlich keine Arbeit mehr. Es war ein Tanz im Wasser der Einheit, im Geist der Pflanzendeva des Baldrian.

