Eben endete das zweite von sieben Treffen zum Erdenhüten. Aditi beschenkte uns mit der Fülle des Frühlings, blühenden Kirsch- und Birnbäumen, einem Gewächshaus voller kraftstrotzender Jungpflanzen, die hinaus in die Erde wollten, Einmachgläsern voll von eigenem Saatgut und am Ende des ersten Abends sogar mit einem flammenden Himmel und einem wunderschönen Regenbogen, der aus dem Kräutergarten hinauszuwachsen schien.
Das zentrale Thema dieses Treffens waren die Devas, denen wir in der Natur begegnen können, die feinstofflichen Wesenheiten, die besonders die Pflanzen lieben, aber auch Erdhöhlen und Feldsteine, Waldwege und Gewässer bevölkern.
Sie wahrzunehmen ist jedem Menschen möglich – wenn auch über verschiedene Sinne. Und die meisten Menschen müssen diese Art der stillen, indirekten, absolut erwartungsfreien Wahrnehmung erst einmal üben und neu kennenlernen. Dabei sit Authentizität unabdingbar, wenn wir wirklich Wahrnehmen wollen.
Am zweiten Tag ging es um die Orte der Begegnung mit der feinstofflichen Welt, um Orte und Wege der Andacht, Rituale und Medizinräder. Aditi hat mehrere Medizinräder – die meisten auf der Basis der fernöstlichen Tradition, in der ich beheimatet bin, aber auch eines nach der Tradition der Lakota und einen keltischen Hain.
Ich fragte, mit welcher Tradition, mit welcher Kultur oder Epoche eine persönliche Verbundenheit besteht. Und es kam die Antwort: „Die Kelten“. Kurz überlegte ich, wie ich ein keltisches Ritualrad anlegen würde, und mir kam der Jahreskreis mit seinen Sonne- und Mondzyklen in den Sinn.
„Bald ist ja Beltane !“ kam es – und ich schmunzelte und fragte: „Wann feierst Du Beltane?“
„Na, am 1. Mai.“
Ich fragte nach: Woher kommt deine Verbindung zur keltischen Kultur ? Ist es Wissen, das Du aufgenommen hast, oder kommt es aus Dir heraus ? Welche Gottheiten rufst Du an bei deinem Ritual ?
„Freya“, kam als Antwort, und dann zögerlich noch: „Brigid. Zu Odin oder Thor hab ich keinen Bezug. Für mich ist Gott nicht männlich.“ Hieraus ergab sich ein kurzes Gespräch zu Gottheiten oder Gott, der doch nicht im Außen sei. Ich wandte ein: Bist Du selbst Gott ? Ein Zögern.
Du sollst Dir kein Bild machen .. nicht nur in den abrahamischen Traditionen die Mahnung, dass das, was wir „Gott“ (oder anders) nennen, eben keinen Namen hat, eben alles ist, und überall, ewig und jenseits der dualistischen Persönlichkeitsmerkmale. Wie absurd also, sich um „die Göttin“ zu streiten oder Anstoß zu nehmen an „einem Gott im Außen“.
Ebenso absurd ist es, Beltane am 1. Mai zu feiern. Die Kelten kannten keinen Mai. Den kannten zwar die Römer – aber die Kelten hatten ihren eigenen Kalender, den Kalender von Coligny, der auf Mondzyklen basierte, und mit Samhain begann ihr Jahr. Nach den Überlieferungen feierten die Germanen und die Kelten ihre Feste an Tagen, die an der dunkelsten Nacht und am hellsten Tag – an den Momenten der Sonnenwende also – abgezählt wurden. Und von hier ausgehend zählten sie nicht nur die vier Sonnenereignisse, die gänzlich ohne Kalender und ohne mathemaische Berechnung erlebbar sind, sondern auch die Monde.
Das Fest des Gehörnten, das Fest der Fruchtbarkeit wurde am fünften Mond nach der Wintersonnenwende gefeiert. Es war der Übergang von „der Zeit der Winde“ (Cutios) zur „Sprossen-Zeit“ (Giamonios).
Überlege Dir also gut, ob Du zu der Einladung am 1. Mai gehst und dort mit gekauften Kuhhauttrommeln und synthetischem Räucherzeug den Naturgeistern huldigen möchtest…
Für mich sind all diese Bräuche und Daten und Rituale blutleer, wenn sie nicht aus meiner ganz persönlichen Verbindung mit dem Wind, dem Mond, der Erde durch meinen Körper ankommen.
Die konzeptionelle Aneignung schlecht bis gar nicht recherchierter Überlieferung erscheint mir eher schädlich, wenn es darum geht, einen lebendigen Kontakt zur Natur aufzubauen. Freilich, wenn mir etwas Neues begegnet, wie etwa der keltische Jahreskreis, und ich vorher nie den Sonnenstand beobachtet habe, dann kann ich durch aufrichtiges Studium entdecken, dass es diese Zeitpunkte sind, die Bedeutung hatten und haben. Und wenn ich noch ungeübt bin, kann ich für einen begrenzten Zeitraum in den Kalender sehen, um zu wissen, wann Vollmond ist oder astronomisch ausrechnen, wann die Tagundnachtgleiche ist.
Doch wenn dieses „Wissen“ nicht in überschaubarer Zeit in Resonanz mit meinem Körper ist, wenn ich nach diesem kurzen, kognitiven Weckruf nicht „aus dem Blut“ am Morgen weiß, dass heute, am dritten Tag nach Neumond, erst der neue Zyklus beginnt – dann würde ich persönlich dieses fremde Korsett nicht überzwängen sondern lieber hinaus ans Feuer gehen und den Sternen zusehen und die zarte Sichel am Himmel bestaunen.
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Ich lade alle, die das natürliche Wahrnehmen wieder lernen wollen, ein, ein paar Tage auf Aditi zu verbringen. Bei der Arbeit in den Gärten, sozusagen tätig und aus dem Augenwinkel, wächst hier die Nabelschnur zu Mutter Erde in Windeseile und Sternentiefe. Besonders gut eignet sich der Erdenhüterkreis, der noch fünfmal stattfinden wird in diesem Jahr. Oder zur Salbeiblütenernte
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PS: In 2026 ist der fünfte Vollmond nach der Wintersonnenwende übrigens – na, wer errät es ? – ausnahmsweise am ersten Mai (in 2025 am 12. Mai, in 2024 am 24. April und 2027 dann erst am 20. Mai)

